10.04.2026
„Ich bin trotzdem noch da!”
Sicherheit für Bahnmitarbeitende geht uns alle an
Wer im Zug arbeitet, hält den Alltag von Millionen Menschen am Laufen. Zugbegleiter*innen sorgen dafür, dass alle zur Arbeit kommen, Termine wahrnehmen können, Freunde und Familie besuchen und sicher ihr Ziel erreichen. Auch als Angestellte bei privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen, wie National Express, leisten Bahnmitarbeitende eine Arbeit im Auftrag für die Öffentlichkeit, sind sichtbar, ansprechbar, oft unter hohem Druck.
Ein aktueller YouTube-Beitrag der Deutschen Welle mit dem Titel Warum Menschen im öffentlichen Dienst zur Zielscheibe werden rückt diesen und andere systemrelevante Berufe in den Mittelpunkt. Für den Film wurde unser Kollege Jörg Norris, Kundenbetreuer (Kub) bei National Express, während seiner Schicht auf der Linie RE 6 (RRX) begleitet.
Die Reportage macht sichtbar, was vielfach im Verborgenen bleibt: Verantwortung, Nähe zu den Fahrgästen und Situationen, die kippen können.
Systemrelevanz: Wir begleiten die Menschen der Region täglich
Jörg Norris arbeitet seit vier Jahren als Kundenbetreuer, wie National Express die Zugbegleitenden nennt. Er hat sich bewusst für den Wechsel in den Fahrgastkontakt entschieden. Was das genau heißt: Ein Waggon verfügt über 400 Sitzplätze, circa 200 weitere Personen finden stehend Platz, ständig steigen Menschen ein und aus. Wer hier arbeitet, spricht am Tag mit mehreren hundert Menschen aus allen Lebensbereichen und in allen denkbaren Stimmungslagen. Ungefiltert und ohne Noise-Cancelling-Option. Kundenbetreuende lesen Stimmungen, ordnen Situationen früh ein und sorgen dadurch auch für Sicherheit.
Norris unterstützt Fahrgäste, kontrolliert die Mitfahrberechtigungen und hält den Fahrgastbetrieb mit am Laufen. Auch dann, wenn Situationen angespannt sind. Gerade bei Fahrkartenkontrollen, so berichtet Norris der Deutschen Welle, entstehen Stressmomente:
„Die denken: Scheiße, ich habe kein Ticket. Wohin? Ich kann nirgendswohin. Das macht die dann richtig wild.“
Das ist Alltag beim Zugfahren. Mindestens eine Person ohne Ticket begegnet Norris pro Schicht. Und dennoch weiß Norris, warum er diesen Beruf nach wie vor ausübt. Er spricht gerne mit den Reisenden, hat Bonbons für die Kinder parat – natürlich nur mit elterlicher Erlaubnis –, gibt Auskünfte über mögliche Anschlüsse und lockert die Stimmung gerne mit einem freundlichen Wort.
„Manchmal vergesse ich, dass mir auch was passieren kann. Mir ist erstmal wichtig, dass der Fahrgast sich wohlfühlt.“
Sätze wie diesen hört man häufig im Bahnbetrieb. Das Berufsethos ist hoch unter den „Eisenbahner*innen”. Oft stellen Mitarbeitende ihre Verantwortung für Fahrgäste sogar über die eigene Sicherheit.
Hohes Berufsethos trotz Risiken
Die Deutsche Welle beleuchtet in ihrem Film auch die Schattenseiten. Jörg Norris berichtet offen darüber, dass er mindestens zehnmal am Tag beleidigt wird. Und er erzählt auch von einem schweren Angriff im Dienst im Jahr 2024. Ein Mann ohne Fahrschein attackierte ihn körperlich. Norris war dem flüchtenden jungen Mann gerade in das Oberdeck gefolgt und stand noch auf der obersten Treppenstufe, da schubste dieser zwei stehende Fahrgäste in ihn rein. Einen Sturz die Stufen herab verhinderte Norris nur durch das reflexartige Festhalten am Geländer mit einer Hand. Die Wucht des abgefangenen Falls riss ihm die Sehnen in der Schulter. Die Folgen: zehn Monate Dienstausfall, bis heute drei Schrauben in der Schulter, bewegliche Einschränkungen und ein schwerer Grad der Behinderung.
„Hätte ich diese Haltestange nicht erwischt, wäre ich kopfüber die Treppe runtergefallen”,
erzählt Norris. Und doch bleibt er seinem Beruf verbunden. Als sei es selbstverständlich sagt er:
„Ich bin trotzdem noch da.“
Nicht nur ein Gefühl, sondern belegt:
Die dokumentierten Sicherheitsdaten von National Express verdeutlichen, dass die Belastung für Bahnmitarbeitende in den vergangenen fünf Jahren zugenommen hat:
Verbale Beleidigungen haben sich seit 2020 vervierfacht, körperliche Angriffe zeitweise fast verdoppelt. National Express geht zudem von einer höheren Dunkelziffer aus, da nicht alle Vorfälle gemeldet werden. Diese Zahlen stehen nicht isoliert. Sie stehen exemplarisch für den gesamten SPNV. Und doch betreffen sie im Alltag ganz konkret unsere Kolleg*innen. Hinter jeder Zahl steht mindestens ein*e Bahnmitarbeitende*r.

Der Soziologe Dr. Joris Steeg erforscht an der Uni Wuppertal die steigende Gewalt gegen Personen im öffentlichen Dienst. Er erklärt im Film, es herrsche eine hohe Unzufriedenheit und Wut auf den Staat; diese würde sich auf die Bahn bzw. die Mitarbeitenden übertragen. Die Menschen unterschieden nicht, ob z. B. Zugbegleitende etwas für die Situation könnten. Bahnmitarbeitende, Rettungskräfte, Polizist*innen oder Beamt*innen würden schlichtweg zu einem Ventil.
Rückhalt aus der Gesellschaft
Dr. Steeg appelliert zudem, dass die Unterstützung der Gesellschaft unerlässlich sei. Ein befragter Fahrgast stellt unmissverständlich fest:
„Das sind Leute, die uns helfen wollen. Die werden dafür bezahlt, die müssen hart arbeiten, die machen viele Überstunden. Die kann man nicht angreifen.“
Diese Worte sind wichtig. Sie sind eine notwendige gesellschaftliche Positionierung: Wer im öffentlichen Dienst, im Rettungswesen oder auf der Schiene arbeitet, verdient Respekt, Anerkennung und Schutz.
Der Beitrag formuliert zum Schluss: Die Last dürfe nicht allein auf denen liegen, die „den Staat am Laufen halten“. Es brauche politische Verantwortung auf Bundesebene für funktionierende Infrastruktur, verlässliche öffentliche Dienstleistungen und den Schutz derer, die sie täglich ermöglichen. Die Reportage macht deutlich: Sicherheit darf keine individuelle Aufgabe bleiben.
Sicherheit braucht politische und gesellschaftliche Verantwortung
National Express sowie die SPNV-Aufgabenträger ergreifen vermehrt Maßnahmen zum Schutz des Fahrpersonals. Nach dem tragischen Todesfall eines DB-Zugbegleiters im Februar 2026 beschlossen der Bund und die DB öffentlich viel diskutierte Sicherheitsvorkehrungen, wie den flächendeckenden Einsatz von Bodycams oder den Wegfall der Ausweiskontrolle bei personalisierten Tickets. Diese gelten jedoch vorerst nur für die bundeseigene DB und nicht auch automatisch für andere Zugunternehmen. Es braucht branchenweit angepasste und realistische Sicherheitsstandards, die gemeinsam von Verkehrsunternehmen, Politik, Verbänden und Aufgabenträgern entwickelt werden. Und es braucht eine Gesellschaft, die hinschaut, unterstützt und Haltung zeigt.
Dr. Michael Hetzer, CEO der National Express Rail GmbH:
„Aggressionen und Gewalt gegenüber Bahnmitarbeitenden nehmen seit Jahren zu. Damit steigen auch die Anforderungen an die Sicherheit im SPNV; es sind dringend erweiterte Maßnahmen erforderlich. Jede Person hat das Recht ihren Beruf ohne Angst auszuüben. Der systematische Aufbau von wirksamen Schutzstandards in der Eisenbahnbranche ist auch Aufgabe der öffentlichen Hand und der gesamten Gesellschaft. Gemeinsam mit den Aufgabenträgern, der Gewerkschaft und den anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen müssen wir eine nachhaltige Strategie zum Schutz unseres Personals sowie der Fahrgäste erarbeiten und finanzielle Mittel für beispielsweise Sicherheitstrainings, mehr Sicherheitspersonal oder sicherheitsfördernde Ausstattungen schaffen.“
Zugbegleiter*innen erbringen eine Dienstleistung im Interesse der Öffentlichkeit: sie sichern Mobilität, verbinden Regionen, ermöglichen Teilhabe. Ein sicherer Bahnverkehr geht uns alle an