10.03.2026
Weichen stellen für mehr Frauen in der Bahnbranche
Dass Frauen in technischen, sicherheitsrelevanten oder schichtgebundenen Berufen nach wie vor unterrepräsentiert sind, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis struktureller Faktoren: historisch geprägte Berufsbilder, starre Einsatzzeiten, wenig Vorbilder und geschlechterspezifische Vorurteile, die sich über Jahrzehnte verfestigt haben.
Die Eisenbahnbranche arbeitet daran, eine Arbeitswelt zu schaffen, in der Frauen nicht nur mitgedacht, sondern selbstverständlich vertreten sind. Doch zwischen Anspruch und Realität liegt nach wie vor ein hartnäckiges Gefälle. Europaweit liegt der Frauenanteil in der Bahnbranche aktuell bei rund 23 %. Von 21% in 2018 ein kaum merklicher Anstieg. Insbesondere in operativen Tätigkeiten bleibt der Anteil mit etwa 5 % weiblichen Triebfahrzeugführenden ebenfalls sehr niedrig (Studie). Diese Zahlen zeigen deutlich: Es gibt Handlungsbedarf von der Ausbildung bis zur Führungsebene.
Vor diesem Hintergrund stellt sich für jedes Eisenbahnverkehrsunternehmen nicht die Frage, ob Gleichstellung ein Thema ist, sondern wie man strukturelle Benachteiligung erkennt und Schritt für Schritt abbaut. Denn klar ist: Gleichstellung ist kein theoretisches Ziel, sondern ein praktischer Arbeitsauftrag an uns als Arbeitgeberin und an uns alle, die ein Arbeitsumfeld mitgestalten.
Frauen bei der National Express Rail GmbH: Fortschritte und klare Aufgaben
Den höchsten Frauenanteil im Unternehmen verzeichnet NX in den Führungsebenen. Über alle Führungsebenen hinweg bewegen wir uns mit 20,6 % auf den Branchendurchschnitt zu. Auf der Bereichsleitungsebene liegen wir mit 36 % Frauenanteil bereits darüber. Mit 5,88 % ist unser Frauenanteil bei den Lokführenden ebenfalls leicht über dem Durchschnitt.
In der Ausbildung wird das Potenzial von Frauen für den operativen Dienst noch deutlicher: Unser aktueller Jahrgang der Eisenbahner*innen im Betriebsdienst liegt bei einer 50/50‑Verteilung. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck dafür, dass Frauen sich zunehmend für Tätigkeiten interessieren, die lange als „typisch männlich“ galten. Vorausgesetzt, der Zugang ist diskriminierungsfrei, klar und verständlich kommuniziert.
Diese Zahlen zeigen, dass Gleichstellung dort leichter gelingt, wo strukturelle Barrieren geringer sind. Gleichzeitig unterstreichen sie, wie wichtig es ist, gezielt dort anzusetzen, wo Rollenbilder und Arbeitsbedingungen Frauen bislang vom Einstieg in die Bahnbranche abhalten.
Einblicke aus dem Unternehmen: Sechs Kolleginnen, sechs Perspektiven
Um zu verstehen, wo Frauen in einer weiterhin stark männlich geprägten Branche – und bei uns im Unternehmen – stehen, haben wir mit Kolleginnen darüber gesprochen, wie sie ihren Berufsalltag erleben, welche Herausforderungen sie sehen und was sie sich wünschen.
Sonja Kapalczynski (interim CFO)

„Sonja, wo siehst du aktuell die größten (strukturellen) Herausforderungen für Frauen in der Arbeitswelt?”
Die größten strukturellen Herausforderungen für Frauen liegen weniger im Talent, sondern in Erwartungen und Entscheidungslogiken. Frauen müssen häufig erst nachweisen, dass sie „bereit“ für Führungsverantwortung sind, während Männern diese Rolle oft von Beginn an zugetraut wird. Entscheidend sind dabei Türöffner, die Verantwortung übertragen und Entwicklung aktiv ermöglichen.
Aus meinen eigenen Erfahrungen habe ich gelernt, mich kontinuierlich weiterzuentwickeln und meinen Führungsstil klar und authentisch zu leben – respektvoll, wertschätzend, bewusst weiblich und auf Augenhöhe. Als Mentorin für weibliche Führungskräfte war es mir immer wichtig, Frauen darin zu bestärken, an sich selbst zu glauben und auch bei Rückschlägen und Widerständen weiterzumachen. In meiner beruflichen Laufbahn war ich überwiegend in männerdominierten Branchen tätig. Bei National Express erlebe ich ein wertschätzendes, unterstützendes und kollegiales Umfeld, in dem nicht nur Frauen Frauen fördern, sondern auch Männer aktiv dazu beitragen, weibliche Führung zu unterstützen. Genau das ist für mich ein entscheidender Hebel für echte Veränderung.
Tabea Kambeck (Leiterin Marketing & Kommunikation)

„Tabea, was antwortest du denen, die Frauenförderung als Bevorzugung sehen?”
Frauenförderung ist keine Bevorzugung, sondern ein Schritt hin zu fairen Chancen für alle. Viele Menschen (Frauen, aber auch queere Personen, Menschen mit Behinderung oder aus marginalisierten Gruppen) stoßen auf strukturelle Hürden, die nichts mit ihrer Leistung zu tun haben.
Maßnahmen zur Förderung sollen diese Barrieren abbauen und dafür sorgen, dass Talente unabhängig von Geschlecht oder Herkunft sichtbar werden. Das ist kein Vorteil für einige, sondern ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft.
Sabine Hoffmann (Head of People)

„Sabine, glaubst du, dass Frauen anders führen – und wenn ja, wie?”
Das kann man so pauschal nicht sagen. Allerdings ist es nachgewiesen, dass Frauen in der Regel intuitiv führen sowie empathischer und sozialer im Umgang mit ihren Mitarbeitenden sind. Selbstverständlich gibt es auch “Ausreißer”, also Frauen, die sehr dominant in ihrem Führungsstil sind, was möglicherweise daher rührt, dass sie glauben, sich unter den weiterhin größtenteils männlichen Führungskräften mit dieser Härte behaupten zu müssen.
Grundsätzlich verkaufen sich Männer oftmals besser, während Frauen dazu neigen, sich zurückzunehmen und glauben, noch nicht gut genug zu sein. Das ist etwas, woran wir Frauen unbedingt weiter arbeiten müssen: Seid mutig, seid von euch überzeugt, zeigt eure Stärken und habt keine Angst Fehler zu machen!
Astrid Rothaut (Leiterin IT)

„Astrid, wie wichtig sind weibliche Führungskräfte in männerdominierten Bereichen?”
Frauen in Führungsrollen sind als Vorbildfunktion sehr wichtig und helfen anderen Frauen zu erkennen: das kann ich auch. Es ist die Übernahme von Verantwortung, die wir auch in der Vergangenheit schon wahrgenommen haben und es ist etwas, das auch Frauen Spaß machen sollte.
Das Einbringen von verschiedenen Blickwinkeln ist gerade in Führungspositionen wichtig, egal ob männerdominiert oder nicht. Man kann zeigen, wie viel Freude es macht, diese Verantwortungs- und Gestaltungsmöglichkeiten zu haben. Letztere hat man in der Regel mehr in einer Führungsrolle.
Verena Müller-Seils (Leiterin Recht)

„Verena, welche Rollenklischees über Frauen in Führung hast du bereits gesagt bekommen – und wie hast du sie widerlegt?”
Persönlich bin ich in meiner Laufbahn nur selten direkt mit Rollenklischees konfrontiert worden. Gleichwohl ist nach meiner Wahrnehmung ein gängiges Klischee, Frauen seien „zu weich" oder „nicht durchsetzungsfähig genug“. Gerade weil ich immer in (noch) männerdominierten Branchen und Beratungsfeldern gearbeitet habe, habe ich früh gelernt, dass Durchsetzungsfähigkeit viele Formen haben kann.
Unabhängig vom Geschlecht haben für mich stets Klarheit, Respekt, Konsequenz und gute Vorbereitung den größten Unterschied gemacht – nicht Lautstärke oder Härte – ohne hier jetzt Klischees über sogenannte „männliche” Führung bedienen zu wollen. Ich habe mein Arbeitsumfeld immer als ausgesprochen kollegial und wertschätzend erlebt. Das hat mich bestärkt, meinen eigenen Führungsstil selbstbewusst und authentisch zu leben.
Annika Leuchs (Leiterin Claim Management (interim))

„Annika, gibt es einen Rat, der dir im Berufsleben geholfen hat? Welchen Rat würdest du jungen weiblichen Führungskräften mitgeben?”
Perfektion ist keine Voraussetzung für gute Führung – entscheidend ist die Haltung dahinter. Führung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen, Orientierung zu geben und offen für Weiterentwicklung zu bleiben.
Gerade in männerdominierten Branchen entsteht leicht der Eindruck, besonders hohe Maßstäbe erfüllen zu müssen. Doch es geht nicht um Fehlerlosigkeit, sondern um Authentizität, Lernbereitschaft und Klarheit in der eigenen Rolle. Wer transparent handelt und zu Entscheidungen steht, schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit und ermutigt andere, ihren eigenen Weg in Führung selbstbewusst zu gestalten.
Was wir konkret tun, um mehr Frauen zu gewinnen
Wir arbeiten kontinuierlich daran, ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld zu sichern und setzen bereits im Recruiting auf klare Einstiegswege: genderneutrale Stellenanzeigen, transparente Informationen über Schichtmodelle und Gespräche, die Interessierten frühzeitig realistische Erwartungen und Lösungen vermitteln. Viele Hürden entstehen vor der Bewerbung, zum Beispiel, weil Frauen den Beruf nicht als Option wahrnehmen. Genau hier setzen Aufklärung und Sichtbarkeit an. National Express ist zudem Teil der Brancheninitiative Fokus Bahn NRW. Hier verfolgen wir unter anderem unternehmensübergreifend das Ziel, den Frauenanteil bei Neueinstellungen im Lokführer*innen‑Beruf in der Branche in NRW innerhalb von fünf Jahren auf 25 % zu steigern.
Veränderung entsteht nicht durch einzelne Programme, sondern durch konsequente, alltägliche Arbeit an Strukturen und Kultur. Wir machen Fortschritte. Ebenso klar ist, dass noch Aufgaben vor uns liegen. Beides gehört zu einem ehrlichen Bild einer Branche, die sich weiterentwickelt.
National Express stellt sich dieser Aufgabe. Schritt für Schritt und mit der klaren Überzeugung, dass die echte Gleichstellung von Menschen kein Zielbild ist, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil eines modernen Unternehmens.