10.12.2025

Zurück in die Spur: Vom Krisenmodus zum Vollbetrieb

Zurück in die Spur: Vom Krisenmodus zum Vollbetrieb

Ein Gespräch mit Dr. Michael Hetzer über Personal, Prozesse, Perspektiven

Nach zwei Jahren im reduzierten Fahrbetrieb kehrt National Express Mitte Dezember zum Vollbetrieb zurück. Ein wichtiger Schritt für den SPNV in NRW und das Bahnunternehmen selbst. Im Interview spricht Geschäftsführer (CEO) Dr. Michael Hetzer über die Herausforderungen der Branche, die Bedeutung für Fahrgäste sowie die Strategien, mit denen das Unternehmen auf Fachkräftemangel, marode Infrastruktur und den digitalen Wandel reagiert. 

 

Herr Hetzer, Mitte Dezember kehrt National Express in den Vollbetrieb zurück. Was bedeutet dieser Schritt für NRW? 

Die Rückkehr zum Vollbetrieb ist ein wichtiger Stabilisierungsschritt – nicht nur für uns, sondern für die Fahrgäste und den gesamte SPNV in NRW. National Express betreibt sieben Hauptlinien entlang der einwohnerreichsten Städte und befördert im Durchschnitt ungefähr 230.000 Fahrgäste jeden Tag. Der SPNV ist spürbar durch den Fachkräftemangel, die maroden Schienenwege und ein massives Baustellenaufkommen belastet.

Insbesondere die Infrastruktur können wir nicht beeinflussen. Wir können die bestehenden Herausforderungen aber adressieren, indem wir unsere eigenen Möglichkeiten konsequent nutzen: Personal gewinnen, Prozesse optimieren, digitale Steuerung ausbauen.

Auch wenn es bis zur spürbaren Verbesserung dauert: Wir schaffen dort, wo es in unserer Verantwortung und Möglichkeit liegt, Verlässlichkeit für unsere Fahrgäste sowie Mitarbeitenden.

 

Die vergangenen zwei Jahre waren herausfordernd. Wie haben Sie es geschafft, wieder Vollbetrieb zu fahren? 

Für uns als Unternehmen war insbesondere die Personalsituation ein zentraler Hebel, an dem wir angesetzt haben. Dazu haben wir unsere Ausbildungsstrukturen und die Personalgewinnung massiv ausgeweitet: Allein 2025 konnten wir über 120 neue Lokführer*innen ausbilden oder schulen und im Anschluss in unseren Betrieb integrieren. Parallel haben wir die Ausbildungsstrategie modernisiert und neuartige digitale Lehrmittel entwickelt sowie eingeführt. Das war kein isolierter Schritt, sondern Teil einer Gesamtstrategie, die operative Stabilität und langfristige Resilienz verbindet – gerade in einem Umfeld, das sich ständig verändert. 

 

Welche Rolle spielt Digitalisierung in dieser Strategie? 

Eine zentrale. Wir steuern heute mit IVU.rail alle betrieblichen Prozesse: von der Umlaufplanung bis zur Echtzeitdisposition.  Automatisierte Berechnungen optimieren Szenarien in Minuten, deren manuelle Überarbeitung früher Tage gedauert hätten. Das ist in einem Arbeitsalltag unverzichtbar, in dem Baustellen und Infrastrukturstörungen die erstellten Pläne faktisch täglich aushebeln. Für uns ist der umfassende Einsatz digitaler Werkzeuge Voraussetzung zur Betriebsfähigkeit in einem Umfeld permanenter Unvorhersehbarkeit. Bei der Sperrung des Kölner Hauptbahnhofs im November beispielsweise haben wir im Vorfeld 2.400 Fahrten sowie die Personaldienste für die Umleitungsstrecken geplant. Dann zeigte sich: Die berechnete Streckenauslastung war nicht realistisch und wir konnten nicht gemäß der vereinbarten Baustellenfahrpläne fahren. Der langsamere Güterverkehr blockierte die Umleitungsstrecken, sodass wir täglich neue Notfallkonzepte für Ersatzkonzepte entwickeln mussten. Das verlangt vom Fahrpersonal trotz eines vereinbarten Jahreseinsatzplans eine Flexibilität, die kaum noch zumutbar ist. Ohne Digitalisierung wären diese ständigen Umplanungen nicht zu bewältigen.  

 

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit Politik und Aufgabenträgern in dieser Phase? 

Wir brauchen einen gemeinsamen Blick auf die Realität: Heute reden wir in NRW über einen andauernden Fachkräftemangel, Generalsanierungen, Instandhaltungscontainer und eine Infrastruktur, die an ihre Grenzen stößt. Als wir in den Betrieb in NRW eingestiegen sind, waren die Rahmenbedingungen völlig andere. Keine Risikoanalyse hätte das Ausmaß und die Auswirkungen der unter uns wegbröckelnden Schiene vorhersehen können. Erst recht nicht die erste weltweite Pandemie, die Kostenexplosion im Bahnstrom oder Entwicklungen wie das Deutschlandticket und die Trassenpreissteigerungen. Digitale Transparenz hilft uns, diese Veränderungen für unsere Auftraggeber nachvollziehbar zu machen und tragfähige Lösungen zu entwickeln. Wir benötigen heute eine andere unternehmerische Flexibilität und vertragliche Revisionsmechanismen, mit denen wir für solche unvorhersehbaren Ereignisse nachhaltige Lösungen entwickeln können. Wir wollen nicht nur reagieren, sondern gemeinsam mit den Aufgabenträgern Konzepte gestalten, die den SPNV zukunftsfähig machen. 

 

Was kommt als Nächstes? Welche Herausforderungen stehen bevor? 

Die Generalsanierung zwischen Köln-Mülheim und Hagen Hbf von Februar bis Juli 2026 wird eine der größten Maßnahmen im Netz. Sie ist notwendig, um die Zuverlässigkeit zu erhöhen, aber sie wird den Betrieb massiv einschränken. Wir bereiten uns darauf vor – mit Ersatzkonzepten, zusätzlichen Kapazitäten und einer intensiven Abstimmung mit allen Beteiligten. Klar ist: Die Strecke wird stabiler, aber nicht leistungsfähiger, weil keine ETCS-Umrüstung erfolgt. Das heißt, wir müssen auch in den kommenden Jahren mit weiteren Sperrphasen rechnen. Für uns ist das kein Grund zur Resignation, sondern Anlass, unsere Prozesse weiter zu digitalisieren und die Zusammenarbeit mit den Partnern zu vertiefen. 

Ihr Fazit? 

Wir stehen vor einem Jahrzehnt der Transformation im SPNV. Wer in diesem Umfeld bestehen will, muss zwei Dinge verbinden: operative Exzellenz und strategische Innovationskraft. Die Rückkehr zum Vollbetrieb ist ein wichtiger Schritt – aber kein Endpunkt. Wir investieren in Menschen, Technologie und Partnerschaften, weil wir überzeugt sind: Nur so bleibt Mobilität in NRW verlässlich und zukunftsfähig.

Biografie Dr. Michael Hetzer

Dr. Michael Hetzer ist seit dem 01. Juli 2024 Geschäftsführer (CEO) der National Express Rail GmbH. Der studierte Physiker verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Bahnbranche. Bevor er zu National Express kam, war Michael als CEO und COO für das internationale Betreibergeschäft der Deutschen Bahn tätig und leitete Bahnunternehmungen in Indien, Uruguay, Kanada sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er verfügt über langjährige Erfahrung in Führung, Betrieb, Aufbau und Transformation von Eisenbahnunternehmen sowie in der Akquisition und Mobilisierung von Eisenbahnkonzessionen weltweit.

Genehmigungen

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Eine Frau, die eine "National Express"-Weste trägt, steht im Freien und blickt in die Ferne. Vor einem strahlend blauen Himmel sind Stromleitungen und Teile eines weißen Fahrzeugs oder Zugs zu sehen.

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